Manche glauben, dass, wer gegen Nazis ist, einfach nur das Gegenteil dessen zu sagen hätte, was die Nazis sagen. Werden sie mit den Forderungen moderner Nazis konfrontiert, so geraten sie schnell in Schwierigkeiten. Sie versteigen sich entweder in unhaltbare Argumentationen oder geben den Nazis sogar Recht. In diesem Fall vergessen sie natürlich nicht hinzuzufügen, dass es die Nazis gar nicht ernst meinten, ihre Argumente nur in demagogischer Absicht vortrügen und Ängste ausnutzten. Während sie selbst die einzigen seien, die es damit auch ernst und ehrlich meinten. So zum Beispiel, wenn es um den Antikapitalismus der Nazis geht.
Aber auch das Gegenteil von falsch muss nicht richtig sein. Dreht man einfach um, was die Nazis sagen, dann ist man nicht unbedingt näher an der Wahrheit. Es kommt für einen erfolgreichen Kampf gegen die Nazi-Ideologie darauf an, die Begründungen und deren Voraussetzungen zu kritisieren und zu widerlegen. Bloße Ablehnung oder Empörung ist zwar besser als Gleichgültigkeit oder gar Zustimmung, letztlich aber hilflos. Mehr noch: Ihr gegenüber erscheinen die Nazis leicht als diejenigen, bei denen Argumente zählen statt Emotionen und Dogmen.
Gefestigten Nazis kann man nicht mit Argumenten Einhalt gebieten, schon darum, weil ihre „Argumente“ im wesentlichen nachträgliche Rechtfertigungen ihrer Ressentiments sind, der Verbindlichkeit des Gedankens sich entziehen.
Was bedeutet das für die Kampagne der Nazis gegen „Islamismus“ bzw., was die Motivation der Nazis deutlicher ausdrückt, gegen „Islamisierung“? Es bedeutet, dass man sich nicht hinstellt und sagt, es gäbe den Islamismus überhaupt nicht, oder, es gäbe ihn zwar, aber er sei ganz harmlos, und eine Beschäftigung damit lenke nur von den „wirklich wichtigen“ Themen ab; oder aber man der Meinung ist, dass die Thematisierung eines so heiklen Themas nur dem Feind nütze. Überlässt mensch die Denunziation des (islamistischen) Unrechts den Nazis, spielt er/sie nur denjenigen in die Hände, die mit Freiheit und Humanität noch nie etwas im Sinn hatten.
Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Traditionen und sozialen Erfahrungen bedeutet Konflikte und Probleme, die sich auch nicht durch bloßen guten Willen oder feiges Verschweigen in Luft auflösen. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Menschen aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise permanent um ihre Existenz, ihre soziale Stellung und um Entwicklungsmöglichkeiten gegeneinander kämpfen müssen. Aber die Probleme sind nicht unlösbar, und sie wiegen leicht gegenüber den barbarischen „Lösungen“, die den Nazis vorschweben.
Die Frage ist, aus welchen Gründen und mit welchen Zielen die Neonazis sich als die einzigen wirklichen Gegner des Islamismus darstellen. Was wollen sie, und warum wollen sie es?

Deutsche Nazis vs. Islamismus
Was die Nazis am politischen Islam stört, ist nicht die häufige Unterdrückung und Herabwürdigung der Frauen, die menschenfeindliche Sexual- und Beziehungsmoral, die brutalen Strafen der Sharia, der mörderische antisemitische Verfolgungswahn oder die grenzenlose religiöse Selbstentfremdung der Islam-Gläubigen, sondern einfach die gefürchtete „Fremdartigkeit“. Wenn Religion, dann bitte eine „artgemäße“ germanisch-heidinsche oder europäisch-christliche, auf keinen Fall eine islamische. „Spätzle statt Döner, Fritzle statt Ali“ (freie Kameradschaften) – Pfaffe statt Muhezzin. Dabei haben die Nazis mit dem politischen Islam in aller Welt keine Probleme. Eher sind sie neidisch auf die Zugkraft islamistischer Bewegungen von AlQaida bis Hizbullah. Mit Judenfeindlichkeit, mit alltäglicher Frauenunterdrückung und dem gezielten Mord an Zivilisten haben die Nazis eine Menge Sympathie. Denn in ihrer psychischen Verfassung und Vorstellungswelt ähneln sich deutsche Nazis und militante Gotteskrieger stark. Nicht umsonst ist das Palästinensertuch bei NPD und freien Kameradschaften beliebtes Accessoire und Erkennungsmerkmal nationalrevolutionärer Antiimperialisten. Was den Nazis im Israel-Palästina-Konflikt lieb und teuer ist, die internationale Solidarität mit Islam und islamistischen „Befreiungsbewegungen“, endet abrupt, sobald aus der islamischen Welt stammende Menschen vor Ort das Recht einfordern, ihre Religion zu praktizieren. Deswegen gehen sie gegen eine neue Moschee und ihre Gläubigen in Deutschland auf die Strasse und nicht gegen die Hizbullah oder das islamische Regime der Tugendwächter im Iran. Denn die Nazis wollen auf dem Gebiet der menschlichen Beziehungen einfach nichts Neues zulassen, sie wollen im alten Mist hocken bleiben, da kennen sie sich aus und da ist es warm, auch wenn es die eigene Fäulnis ist die wärmt. Breitbandverbindung ja, Ehe für Homosexuelle nein. Sozialversicherung ja, Zugang jedoch nur mit deutscher Abstammungsurkunde. Islam ja, aber bitte nicht in der eigenen abgeschotteten Schrebergartenwelt.
Die vermeintlich widersprechenden Lautäusserungen zu Islam als Alltagskultur in Europa und islamistischem Terror in Allerwelt entspringen ihrer Vorstellung von der Welt als Menschenzoo homogener „Rassen“, die in keinem Fall vermischt werden dürfen. Jeder soll an seinem Platz kämpfen, seine Scholle, an die er/sie per Geburt gebunden ist, verteidigen. Hier die „abendländische Volksgemeinschaft“, dort die „morgenländische“ Umma /die islamische Gemeinschaft, als räumlich separierte „Kulturvölker“ oder „-kreise“, vereint im weltweiten Kampf gegen den „kulturzersetzenden Völkerfeind USrael“. Diese wahnhafte Vorstellungswelt, in der die Nazis auf internationaler Ebene in geistiger Verwandtschaft mit den mörderischen IslamistInnen kämpfen, bringt sie auf nationaler Ebene auch gegen eine Mehrheit friedlicher, säkular lebender Menschen aus der islamischen Welt auf die Barrikaden.
Treten die als Projektionsfläche für die eigenen antisemitischen Vernichtungswünsche missbrauchten Menschen in Deutschland auf den Plan, oder nutzen sie gar ihr Recht auf Sozialleistungen, reagiert der Nazi mit Denkfaulheit und Angst. Um die eigene armselige Existenz zu verklären, ist ihm plötzlich ein Moslem wie der andere. Die diesbezüglichen Äußerungen der Nazis zum Thema „Islam“, „Islamismus“, „islamistischer Terrorismus“, „Türken“, „Araber“, „Ausländer“ und „Fremde“ bzw. „Überfremdung“ gehen so lange durcheinander, bis dem geneigten Zuhörer oder Leser nur ein Ausweg bleibt: Alles das gleiche Gesindel. Als Gegenpol wird das Bild des überlegenen, zivilisierten und humanen Europäers bemüht.
Worüber die Nazis während der Artikulation ihrer Halluzinationen gar nicht gern reden, das sind die Individuen: Niemand ist einfach „Türke“ oder „Deutscher“, sondern viel mehr: Lohnarbeiterin oder Kapitalist, Öko oder Communist, Mann oder Frau, Kind oder Greis (manchmal auch irgendwas dazwischen). Diese Gemeinsamkeiten und Trennungen sind für das Leben der Einzelnen oft viel bedeutender als der Pass oder die Herkunft. Bei der Anti-Islam-Kampagne der Neonazis handelt es sich, was die Motivation angeht, bloß um eine neue Verpackung der alten Parole: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“.
Was die Nazis vor Ort gegen den Islam aufbringt, ist nicht eine Vorliebe für Liberalität und Demokratie, Aufklärung und Humanität, es ist stumpfer Rassismus und chauvinistisch abendländische Borniertheit. Die Parole vom Kampf gegen „Islamisierung und Überfremdung“ verhilft denen zur Tarnung, die es mit der Freiheit nicht besser meinen als die militantesten Islamist_innen selbst.

Alter Hass
Es ist jedoch nicht nur der bevorzugte Platz, den der Antisemitismus in der Hierarchie der Bestandteile der Ideologie der Nazis einnimmt, der sie hier über den Widerspruch zwischen lokaler Xenophobie und„internationaler Solidarität“ schlüpfen lässt, sondern derselbe Antisemitismus als ein Denkschema, dessen scheinbare Rationalität in Wirklichkeit nur in seiner Funktionalität für den psychischen Haushalt der Judenhasser_innen – ob Nazis oder militante Islamist_innen – besteht. Was rational widersprüchlich ist, kann für die Psyche eines Menschen sehr wohl Sinn machen. Der Antisemitismus ist u.a. deshalb mit einer bloß argumentativen Widerlegung nicht zu knacken, weil der antisemitisch denkende Mensch aus ihm psychischen Gewinn zieht. Er verleiht dem ohnmächtigen Individuum das Gefühl, mit einer objektiven gesellschaftlichen Tendenz im Bunde zu stehen, also: stark zu sein. Das Wahnbild von „den Juden“, welche angeblich weltweit verdeckt Macht und Geld in ihren Händen halten und welche „unser Unglück“ seien, dieses paranoide Weltbild ermöglicht es dem Individuum, das vom materiellen Reichtum in der modernen Welt ausgeschlossen ist oder diesen Lebensvorteil in der Konkurrenz bedroht sieht, als einfache Lösung sich und anderen zu sagen: die Juden sind schuld, die USA sind schuld, die Weltfinanz ist schuld usw., usf. – und die „Ausschaltung“ bzw. Vernichtung dieser angeblich parasitären Macht zu fordern. Der/die vereinzelte Einzelne kann sich als schwaches, quasi bedeutungsloses Wesen zu einem Mitglied einer Staats- „Volksgemeinschaft“ erheben. Du bist nichts, aber dein Volk/deine kämpfende Glaubensgemeinschaft ist alles. Der antisemitische Antikapitalismus vieler Menschen verleiht ihnen das Gefühl, ihr Unbehagen und ihr Hass auf soziale „Ungerechtigkeit“ könnte durch infantil einfachste Lösung in eine „gerechte“ soziale Ordnung gelenkt werden: eine sog. „natürliche“ Gesellschaftsordnung, eine Arbeitsgesellschaft, aus der alle Menschen ausgemerzt werden, die als Parasiten gelten. Und das sind in vielen Köpfen nun mal „die Juden“. Befriedigt ist das antisemitische Selbstgefühl, weil es den völkischen oder religiösen Normen zu entsprechen strebt und an der Ausmerzung der vermeintlichen Parasiten teilnehmen darf. Um die Analyse der wirklichen gesellschaftlichen Ursachen für Ungerechtigkeit, Ausbeutung der Arbeitskraft und Unterdrückung von Menschen durch Menschen und um die wirklich effektive, radikale Veränderung der Produktionsverhältnisse in der hochkomplex vernetzten modernen Welt machen sich Antisemit_innen keinen Kopf. Sie wollen die Personen vernichten, die sie für die Schuldigen an den Sachzwängen des Kapitalismus halten. Welche Menschen dabei als „Juden“ bezeichnet werden und wer als Angehörige/r einer „minderwertigen Rasse“ klassifiziert wird, bestimmt das menschenfeindliche, antisemitisch/völkische „Ich“ das immer nur ein „Wir“-Gefühl ist, willkürlich nach Richtlinien, die ebenso irrsinnig wie jeweils interessengesteuert sind. Mal gelten den Nazis Muslime als die willkommenen Verbündeten gegen den Judenstaat und den Erzfeind USA, mal werden die Immigrant_innen aus islamischen Ländern als Fremdkörper am deutschen Volkskörper oder alltagsrassistisch als „Kanaken“ behandelt.
Aber nicht nur das Identifizieren von Nichtidentischem durch Analogien und Assoziationen je nach Bedarf ist grundlegender Bestandteil einer antisemitisch/völkischen Denke, sondern auch, eigene Wünsche auf andere zu projizieren. Das oberste Ziel der deutschen Einwanderungspolitik war stets, dem Kapital billige und gefügige Arbeitskräfte zu besorgen, wenn und wo sie gebraucht werden. Falls sich diese dann als lebendige, mit eigenen Interessen und Wünschen begabte Menschen herausstellen, kocht die Volksseele. „Die Immigranten ausnutzen“ ist der unbewusste Gedanke, der hinter dem weit verbreiteten Vorurteil „Die Ausländer nutzen uns aus!“, steht. Vom Türkenwitz bis zur rechtlichen Sonderbehandlung, von der sog. verdachtsunabhängigen Polizeikontrolle, deren Verdacht stets durch das „südländische Aussehen“ der Kontrollierten erregt wird, bis zur Abweisung durch den Türsteher: das Vorurteil sucht sich einen Weg und ist für den, den es trifft, so leicht zu erkennen wie schwer zu ertragen. Der heute zum Vorwurf gemachten Selbstausgrenzung arabischer Migrant_innen ging eine jahrzehntelange Diskriminierung und soziale Ausgrenzung durch die Mehrheit der Deutschen voraus.

Kritik braucht Konsequenz
Die bitter notwendige Verteidigung bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen Islamismus einerseits und deutsch- nationalsozialistische Barbarei andererseits darf nicht das Nachdenken darüber verhindern, wie, wann, warum, und wodurch sich diese beiden Formen des gesellschaftlichen Rückschritts bedingen. Es nützt nichts, in vermeintlicher Abgrenzung zu den Nazis und in altlinker, vereinfachender Gesinnung einen gesamtgesellschaftlichen „antiislamischen Rassismus“ (u.a. bundesweite Kampagne „stoppt die Hetze“) festzustellen und so die Tatsache zu verschweigen, dass viele Bundesbürger Hand in Hand mit den Nazis, mit dem antiisraelischen Kampf der Islamist_innen einverstanden sind, findet er nur nicht vor der eigenen Haustür statt. Ein erfolgreicher Kampf gegen das Nazigesindel und ihre „Argumente“ erfordert eine klare Positionierung an der Seite Israels und derjenigen, die aus der Shoa, aus der Ermordung von 6 Millionen jüdischer Menschen durch die Deutschen, gelernt haben und konsequent dem weltweiten Antisemitismus, der heute zunehmend Israel mit Vernichtung bedroht, militärisch entgegentreten. Eine wirklich antirassistische, fortschrittliche Position, die das Subjekt nicht auf seine Herkunft reduziert und so zum Objekt degradiert und die sich gleichzeitig klar vom gesellschaftlichen Regress – sei er nationalsozialistisch, westlich, christlich, chauvinistisch oder islamistisch geprägt – abgrenzt, erfordert Solidarität mit denjenigen Menschen in der islamischen Welt, die mit dem politischen Islam, der Zwangsgemeinschaft in der Umma / der islamischen bzw. panarabisch-völkischen Gemeinschaft und ihren traditionalistischen antisemitischen Implikationen Schluss gemacht haben.

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